Der Reinheitsgrad (Clarity) eines Edelsteins ist eines der zentralen Qualitätsmerkmale. Er beschreibt die Anzahl, Größe, Lage, Natur und Sichtbarkeit von Einschlüssen (Inklusionen) sowie Oberflächenunregelmäßigkeiten. In der professionellen Gemmologie wird die Beurteilung unter standardisierten Bedingungen durchgeführt, meist unter 10-facher Vergrößerung mit einem Binokularmikroskop oder einer Lupenoptik, nach den Richtlinien der GIA (Gemological Institute of America), des ALGT (Antwerp Laboratory for Gemstone Testing) oder vergleichbarer Institute.
Einschlüsse lassen sich in zwei Hauptkategorien unterteilen:
Interne Einschlüsse: Kristalle, Flüssigkeiten oder Gasbläschen innerhalb des Kristallgitters, die Rückschlüsse auf die Entstehung und die geologischen Bedingungen des Edelsteins zulassen.
Externe Merkmale: Kratzer, Risse oder andere Oberflächenanomalien, die den optischen Eindruck und die Haltbarkeit beeinflussen.
Farbedelsteine werden nach anderen Kriterien bewertet als Diamanten: Während bei diesen die Reinheitsskala VVS–SI Anwendung findet, erfolgt die Beurteilung von Farbedelsteinen vor allem anhand von Farbe, Intensität und Transparenz.
Farbedelsteine vs. Diamanten: Bewertungsunterschiede im Überblick
Die Bedeutung von Reinheit hängt stark von der Art des Edelsteins ab:
Diamanten:
Werden streng nach Reinheit bewertet.
Schon kleine Einschlüsse mindern den Wert deutlich.
Reinheit wird nach der GIA-Skala klassifiziert (FL, VVS, VS, SI, I).
Farbedelsteine (Rubine, Saphire, Smaragde ect.):
Bei Farbedelsteinen gelten kleine Einschlüsse als normal und weitgehend akzeptiert.
Primär zählen Farbe, Brillanz und Seltenheit.
Kleine Einschlüsse mindern den Wert nur in geringem Maße.
Bei manchen Steinen, z. B. Smaragden, sind Einschlüsse charakteristisch und Teil des Charmes.
Kurz gesagt: Bei Diamanten ist Reinheit fast gleichbedeutend mit Wert, bei Farbedelsteinen dominiert die Farbe, während Einschlüsse oft akzeptiert oder sogar geschätzt werden.
Die Skala zur Bewertung des Reinheitsgrades von Diamanten reicht typischerweise von „Flawless (FL)“, einem vollkommen einschlussfreien Edelstein, über „Internally Flawless (IF)“, „Very Very Slightly Included (VVS)“, „Very Slightly Included (VS)“, „Slightly Included (SI)“ bis „Included (I)“. Jeder Schritt beschreibt eine signifikante Zunahme sichtbarer oder optisch störender Inklusionen.
Ein präzise bestimmter Reinheitsgrad ist nicht nur für die ästhetische Bewertung entscheidend, sondern beeinflusst auch den Marktwert, die Eignung für bestimmte Schliffe und die Langzeitstabilität des Steins. Moderne Techniken wie Mikroradiographie, Laser-Inspektionen und hochauflösende Spektroskopie erlauben es, Einschlüsse dreidimensional zu analysieren und synthetische von natürlichen Steinen zu unterscheiden.
Einschlüsse bei Edelsteinen – natürliche Merkmale mit Charakter
Einschlüsse sind natürliche Merkmale im Inneren eines Edelsteins, z. B.:
Kristalle oder Mineralien
Flüssigkeitseinschlüsse
kleine Risse oder Wachstumsmerkmale
Einschlüsse entstehen während der Entstehung eines Edelsteins tief in der Erde und verleihen jedem Farbedelstein seine Einzigartigkeit. Sie sind daher nicht zwangsläufig als Makel zu werten, sondern erzählen die Geschichte des Steins. Manche von ihnen erzeugen sogar besondere Effekte, wie Sterneneffekte (Asterismus) bei Sternrubinen oder Sternsaphiren, Schimmer (Adulareszenz) bei Mondsteinen oder Farbwechsel (Pleochroismus) bei Alexandriten.
Die wichtigsten Reinheitsgrade für Farbedelsteine lassen sich wie folgt einteilen:
Augenrein: Keine sichtbaren Einschlüsse, wirkt besonders klar und brillant – bei Spinell oder Rubin selten und begehrt.
Sehr geringe Einschlüsse: Kaum sichtbar, selbst bei genauer Betrachtung.
Geringe bis mittlere Einschlüsse: Sichtbar, beeinflussen die Brillanz kaum. Viele natürliche Farbedelsteine fallen in diese Kategorie.
Deutliche Einschlüsse: Gut sichtbar, können den Glanz leicht mindern, verleihen dem Stein jedoch Charakter.
Sehr deutliche Einschlüsse: Stark sichtbar, bei Smaragden und ausgewählten Rubinen üblich und akzeptiert; ermöglichen häufig ein besonders gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Die Art und Verteilung von Einschlüssen lässt sich oft durch die Kristallstruktur des Minerals erklären. So entstehen bei Rubinen und Saphiren Korundeinschlüsse häufig entlang von Wachstumsrissen, während Smaragde oft flüssige Einschlüsse enthalten, die auf hydrothermale Entstehungsbedingungen hinweisen. Solche Merkmale erlauben es Gemmologen, Herkunft und Entstehungsgeschichte eines Edelsteins zu rekonstruieren.
Reinheitsgrad & Wert – das Gesamtbild zählt
Der Wert eines Edelsteins hängt von mehreren Faktoren ab:
Farbe – bei Farbedelsteinen am wichtigsten
Reinheitsgrad / Einschlüsse
Schliff und Form
Seltenheit & Herkunft
Transparenz
Diese Unterschiede resultieren aus der physikalischen Struktur der Edelsteine: Diamanten kristallisieren in einem kubischen System mit extrem harter Struktur, sodass kleinste Einschlüsse sofort auffallen. Farbedelsteine wie Korunde oder Berylle besitzen andere Kristallsysteme und zeigen natürliche Inklusionen, die die Stabilität kaum beeinträchtigen, aber wertvolle Informationen über ihre geologische Entstehung liefern.
Ein augenreiner Edelstein mit satter Farbe ist besonders wertvoll; doch auch Steine mit Einschlüssen können außergewöhnlich schön sein und Sammler begeistern.
Die Faszination meines Berufs
Was mich an meiner Arbeit als Gemologin immer wieder beeindruckt, ist, dass ich einen Edelstein nie nur nach Farbe, Reinheit oder Brillanz bewerte. Bei jedem Stein halte ich inne und denke daran, dass er über Millionen von Jahren in der Erde gewachsen ist – unter spezifischen geologischen Bedingungen, die Form, Farbe und Struktur geprägt haben. Jeder Einschluss, jede Farbnuance erzählt ein Stück seiner Geschichte, ein stilles Zeugnis der Naturkräfte, die ihn geformt haben.
Meine Ausbildung hat mir das nötige Fachwissen vermittelt, und die jahrelange Arbeit in unserer Schleiferei hat meine Augen für Feinheiten geschärft. So kann ich meine Freude an der Arbeit als Gemologin in jeden Edelstein einfließen lassen – weil ich nicht nur einen schönen Stein in Händen halte, sondern ein kleines Wunder der Erde.
Danke fürs Lesen und Ihr Interesse!
Andrea Beauchamp
Herzlichen Dank an das Labor ALGT für diese spannende Aufnahme der Einschlüsse in der Korund-Varietät Rubin – ein faszinierender Einblick in die Natur des Edelsteins!




